Unrein durch Geburt und Menstruation?
- Silke Sieber

- 9. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
Wenn du das dritte Buch Mose schon einmal ganz gelesen hast, bist du dort vermutlich auf einige irritierende Aussagen zu Geburt, Menstruation und Unreinheit gestossen. Warum wurden Frauen durch natürliche, physische Ereignisse unrein? Um diese Texte etwas besser zu verstehen ein paar Infos vorab.
Unreinheit und Heiligkeit: Zwei Welten
Heiligkeit – was bedeutet das? In unserer heutigen Lebenswelt sind wir kaum mehr mit Heiligkeit konfrontiert. Das war zur Zeit des Alten Testaments anders. Hier unterschied man grundsätzlich zwei Kategorien, zwei Welten: das HEILIGE, GÖTTLICHE und das GEWÖHNLICHE, MENSCHLICHE.
Dort, wo eine Gesellschaft das Göttliche verliert, verliert sie über kurz oder lang auch die Menschlichkeit.
Gott gehörte in den Bereich des absolut HEILIGEN. Der Mensch war im Bereich des GEWÖHNLICHEN Zuhause. Im Bereich des GEWÖHNLICHEN gab es «reine» und «unreine» Komponenten. «Unreines» konnte «rein» werden und «Reines» konnte «geheiligt» werden, damit es sich dem HEILIGEN nähern konnte. Klingt komisch? Entspricht aber dem biblischen Denken! Je näher man Gott (Jahwe) kommen wollte, desto mehr Reinheit war erforderlich. Wo dies ignoriert wurde, liessen sich zwei Konsequenzen beobachten: 1) Wer sich «unrein» dem HEILIGEN näherte, riskierte den Tod. Und 2) je mehr Unreines sich im Heiligtum ansammelte, desto mehr entzog Gott seine Gegenwart.
Reinheit war also essenziell, um in Gottes Nähe zu erleben.

Gebote für Schutz und Nähe
Weil Unreinheit und Heiligkeit unbedacht kombiniert gefährlich waren, gab Gott den Menschen Reinheitsgebote. Solche lesen wir z.B. in 3. Mose 11-15.
Diese Gesetze waren nicht unbarmherzig, willkürlich oder restriktiv, sondern sie hatten eine Schutzfunktion. Sie schützten die Menschen davor, sich Gottes Heiligkeit unwürdig zu nähern. Sie waren Ausdruck von Gottes Mitgefühl und Sorge um den Schutz des menschlichen Lebens. Gott kann seine HEILIGKEIT nicht ablegen, sonst wäre er nicht mehr Gott. Wir aber können uns heiligen lassen, um uns ihm zu nähern.
In unsere Lebenswelt übertragen: Wir verbieten einem Menschen mit einer infektiösen Erkrankung, kranke und geschwächte Menschen im Krankenhaus zu besuchen, um deren Leben nicht zu gefährden. Es ist eine Schutzmassnahme für gefährdete Menschen.
Mit den Reinheitsvorschriften schützte Gott die Menschen davor, sich in einer unreinen Form seiner Heiligkeit zu nähern, weil er ihr Leben wahren wollte und sie nicht in Gefahr bringen wollte.
Diese Reinheitsgebote waren weise und sehr spezifisch formuliert und deckten verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens ab: Ernährung, Geburt, Sexualität und Krankheit.
Unrein nicht gleich unrein
Wenn wir die Reinheitsgebote betrachten, stellen wir fest: Unrein ist nicht gleich unrein. Es gab moralische Unreinheit, die durch Fehler, Sünde und Vergehen verursacht wurde. Dann gab es aber auch eine Unreinheit, die durch natürliche Umstände des menschlichen Lebens ausgelöst wurde (z.B. durch Geburt, Krankheit, Menstruation und Samenerguss). Der so verursachte, vorübergehende Zustand der Unreinheit ist nicht zwingend nur negativ zu sehen, wie wir später an einem konkreten Beispiel sehen werden.
Die Bedeutung von Blut
Bei Geburt und Menstruation ist Blut im Spiel. Die Bedeutung von Blut in der Bibel ist kaum zu überschätzen. Es ist unbezahlbar, denn nach dem biblischen Verständnis ist das Blut Träger des Lebens. («Im Blut steckt das Leben», vgl. 3. Mose 17,11+14, 5. Mose 12,23).
Das Blut (so auch das Leben) konnte sowohl der Heiligkeit wie auch der Unreinheit dienen. Es hatte eine zweifache Bedeutung. Einerseits wurde Blut da sichtbar, wo physische Gewalt eingesetzt wurde. In diesem Sinne vergossenes Blut machte unrein. Zum anderen sehen wir, dass rituell vergossenes Blut z.B. bei Opfern von Schuld befreite und rein machte (vgl. auch Jesus).
Es ist dieselbe Substanz, die zugleich beschmutzt und reinigt, unrein macht und rein macht, Schuld erzeugt und Schuld tilgt, Menschen zur Gewalt führt oder Gewalt und Wut besänftigt.
Wir können nur erahnen, wie weitreichend die Bedeutung von Blut und somit auch der Kontakt damit (z.B. bei Geburt und Menstruation) war. Blut ist Träger des Lebens und Träger des Leidens.
Menstruation und Geburt
Reinheitsgebote zur Menstruation (3. Mose 12,1-8): Für eine Frau in der damaligen Kultur war die Unreinheit während der Menstruation auch etwas Entspannendes. Unreinheit befreite von religiösen Pflichten und den Aufgaben ausserhalb des Hauses. Wer unrein war, musste sich nicht noch um andere Menschen kümmern. Zudem waren die hygienischen Mittel (Tampons, Binden, WCs überall) bei weitem nicht so luxuriös wie heute. Blutend nicht unterwegs sein zu müssen, war keine Beschränkung, sondern eine echte Erleichterung. Die Unreinheit garantierte also Ruhe und Schutz in den Tagen der Blutung.
Interessant ist, wie spezifisch der Text verschiedene Situationen unterscheidet. Es wurde zwischen normalen und abnormalen Ausscheidungen, sowohl bei der Frau als auch beim Mann, differenziert:
3Mo 15,2b-15: Abnormale Ausscheidung beim Mann
3Mo 15,16-17: Normale Ausscheidung beim Mann
3Mo 15,19-24: Normale Ausscheidung bei der Frau
3Mo 15,25-30: Abnormale Ausscheidung bei der Frau
Während abnormale Ausscheidungen bei Mann und Frau eine Sühneleistung (ein Opfer) zur Reinheit erforderte (vgl. 3. Mose 15,14-15+29-30), verging die Unreinheit bei normaler Ausscheidung (z. B. bei der Menstruation) von ganz allein.
Reinheitsgebote zur Geburt (3. Mose 15,19-30): Auf den ersten Blick scheint es fast etwas unfair, dass eine Frau durch die Geburt eines Kindes unrein wurde (bei der Geburt eines Mädchens länger als bei der Geburt eines Jungen). Doch auch hier geht es nicht um moralische Unreinheit, sondern um eine Unreinheit mit Schutzfunktion. Dadurch bekam die Mutter das, was wir heute Mutterschaftsurlaub nennen. Die Geburt eines Mädchens erforderte eine längere Pause. Das hatte vermutlich damit zu tun, dass Jungen am 8. Tag beschnitten werden mussten. Damit die Mutter an diesem religiösen Ritual teilnehmen konnte, musste sie rein sein. So endete die Unreinheit bei Jungen nach 7, beim Mädchen erst nach 14 Tagen (3. Mose 12, 1-5).
Bei einem Jungen folgten auf die 7 Tage «Unreinheit» weitere 33 Tage Pause. Bei einem Mädchen waren es nach 14 Tagen «Unreinheit» nochmals 66 Tage Pause. Das wird manchmal damit erklärt, dass die Geburt eines Mädchens, geboren, um wiederum selbst Leben hervorzubringen, der Mutter mehr abverlangte als die Geburt eines Jungen.
Wie auch immer: Auch bei diesem Gebot drückt die «Unreinheit» nichts moralisch Verwerfliches aus, sondern schenkte der Mutter Zeit für Erholung und Regeneration. Schliesslich war durch die Unreinheit auch das Wochenbett und eine Zeit ohne Sex garantiert.
Die Reinheitsgebote bei Menstruation und Geburt bedeuteten nicht, dass die Frau sich isolieren und Haus und Lager verlassen musste, wie das bei anderen Verunreinigungen der Fall war (z.B. Aussatz, Leichenkontakt, etc.). Es wird nur eine Distanz zum Heiligtum, zum Tempel und zu den religiösen Verpflichtungen gefordert.
Und ich? Heute?
Dass Menstruation (und andere weiblich bedingte «Unreinheit») für Christinnen keine Distanz und Trennung von Gott mehr bedeutet, sehen wir deutlich am Umgang von Jesus mit der blutflüssigen Frau. In Markus 5,25-34 wird beschrieben, wie eine Frau, die an anhaltenden Blutungen erkrankt war, Jesus aufsuchte und ihn berührte, weil sie sich davon Heilung versprach. Überraschend: Anders als wir vom Alten Testament her erwarten würden, wird Jesus durch ihre Berührung nicht verunreinigt. (vgl. 3. Mose 15,27). Vielmehr überträgt sich seine Heiligkeit auf die Frau. Nicht Jesus wird unrein, sondern die Frau wird rein, geheilt und geheiligt. Jesus ist voll ansteckender Heiligkeit. Seine Heiligkeit ist ansteckender als unsere Unreinheit.
Das ist möglich, weil Jesus aus dem HEILIGEN ins GEWÖHNLICHE kam, um Unreines reinzumachen und Reines zu heiligen.

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