Waren Frauen weniger wert als Männer?
- Silke Sieber

- 28. Mai
- 4 Min. Lesezeit
3. Mose 27,1–8 listet Beträge auf, die ans Heiligtum gezahlt werden müssen, um Menschen aus einem Gelübde zu lösen. Irritierend ist, dass die Beträge für Frauen geringer ausfallen, als die Beträge für Männer. Da liegt die Frage nahe: Waren Frauen weniger wert als Männer?
Was ist eigentlich ein Gelübde?
Das Alte Testament berichtet an mehreren Stellen davon, dass Menschen ein Gelübde ablegten. Diese Gelübde waren absolut freiwillig und werden nirgendwo in der Bibel gefordert. Im Gegenteil wird sogar davor gewarnt, ein solches Versprechen leichtfertig abzulegen (Sprüche 20,25). Mit einem Gelübde wollte der Bittende die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit seiner Bitte verstärken. Wurde die Bitte von Gott erfüllt, so gab man das, was man zuvor versprochen hatte (sich selbst, einen anderen Menschen oder einen wertvollen Besitz), Gott zum Dank hin.
Der Richter Jeftah legt zum Beispiel ein Gelübde ab, bevor er gegen die Ammoniter in den Krieg zieht (Ri 11,33ff). Sollte er die Feinde besiegen und heil zurückkehren, würde er das als Opfer für Gott verbrennen, was ihm bei seiner Ankunft zuhause als Erstes entgegenkäme. Vermutlich dachte er dabei an eines seiner Schafe oder Geisslein. Aber es ist seine Tochter, die ihm entgegenkommt und in die Arme springt. Oft wird diese Geschichte missverstanden und so interpretiert, dass der Gott des Alten Testaments Menschenopfer forderte. Doch gemäss unserem Text (3. Mose 27,1-8) hätte Jeftah seine Tochter nicht opfern müssen. Er hätte sie auslösen können. Vermutlich kannte er die Tora nicht gut genug und beging deshalb diese schreckliche Tat! Die eigentliche Botschaft dieser Geschichte: Wer Gottes Gesetz, welches das Leben immer schützt, nicht kennt, erliegt dem Bösen!
Von einem weiteren bekannten Gelübde lesen wir in 1. Samuel 1,11. Hanna bittet Gott um einen Sohn. Sie verleiht ihrer Bitte Nachdruck mit dem Versprechen, ihren erbetenen Sohn Gott zu weihen und ihn zum Heiligtum zu bringen.
Wie kann ein Gelübde gelöst werden?
3. Mose 27, 1–8 beschreibt, wie solche Gelübde wieder gelöst werden können. Es muss eine festgelegte Summe an das Heiligtum gezahlt werden, damit eine Auslösung erfolgen kann.
Wenn wir die Kosten für die Auslösung von Menschen betrachten, fällt auf, dass nur Alter und Geschlecht einen Einfluss auf den zu bezahlenden Betrag hatten. Anders als es zum Beispiel beim Kauf von Sklaven üblich war, spielten Schönheit, Status, Gesundheit, Fähigkeiten oder der soziale Stand keine Rolle. Kein Feilschen. Kein Handel. Gott geweihte Menschen sollten nicht wie Sklaven gehandelt werden, sondern hatten einen festen Wert. Dieser Wert ist sowohl bei Frauen wie bei Männern innerhalb ihrer Altersgruppe gleich. Bevor wir uns den Kosten im Detail zuwenden, müssen wir eine weitere wichtige Tatsache festhalten: Frauen werden als eigene Klasse erfasst. Sie werden zusätzlich zu den Männern aufgeführt. Das zeigt, dass Frauen als unverzichtbares und mächtiges Element für die israelitische Arbeitskraft verstanden wurden. Dahinter verbringt sich ein Ausdruck grosser Wertschätzung für die Frau, der im Vergleich mit anderen antiken Kulturen so nicht gegeben war.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die genannten Beträge nicht den Wert des individuellen Menschen beschreiben. Die Kosten repräsentieren die Arbeitskraft, welche man ‘verlor’, wenn man einen Menschen Gott weihte.
Frauen wurden als Arbeitskräfte geschätzt. Aufgrund ihrer körperlichen Konstitution mussten sie aber weniger leisten als Männer. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern trägt der weiblichen Konstitution Rechnung, die nun mal anders ist als die eines Mannes. Auch das kann wertschätzend verstanden werden. In unserem heutigen System wird von Frauen meist die gleiche Leistung für weniger Lohn gefordert. Damals wurde von einer Frau bei weniger ‘Lohn’ auch weniger Leistung gefordert. Zudem muss bedacht werden, dass es damals nahezu ausschliesslich um harte, körperliche Arbeit ging.
Kosten für die Auslösung
Alter (in Jahren) | Mann in Schekel | Frau in Schekel | Gemeinsamer Betrag | Prozentsatz der Frau in Bezug auf den gemeinsamen Betrag |
0-5 5-20 20-60 60+ | 5 20 50 15 | 3 10 30 10 | 8 30 80 25 | 38 % 33 % 38 % 40 % |
Der prozentuale Anteil der Frau am Gesamtbetrag für Mann und Frau spiegelt in jeder Altersgruppe ein sehr realistisches Verhältnis wider. Die Berechnung geht davon aus, dass eine Frau zwischen 20 und 60 Jahren 38% der gemeinsamen Arbeitskraft leistet. Der Mann leistet 62% der gemeinsamen Arbeitskraft. Beziehen wir diese Prozentsätze auf die schwere, körperliche Arbeit damals, erweisen sich die Zahlen als äusserst realistisch und angemessen. Kinder unter 5 Jahren scheinen noch wenig zur Arbeitskraft beizutragen. Das hängt mit der hohen Kindersterblichkeit zusammen. Es deutet aber auch darauf hin, dass Kinder nicht als Arbeitskräfte ausgenützt wurden.
Bei Frauen zwischen 5 und 20 Jahren ist der Prozentsatz mit 33% der gemeinsamen Arbeitskraft am tiefsten. Diese Jahre fallen mit dem gebärfähigen Alter und erhöhten Sterblichkeitsrisiken zusammen. Im Alter steigt die prozentuale Arbeitskraft, während die Leistungsfähigkeit von Männern abnimmt. Die Frau blieb bei den häuslichen Aufgaben bis ins hohe Alter aktiv und leistete mit 40% fast die Hilft der gemeinsamen Arbeitskraft! Im babylonischen Talmud finden wir ein Sprichwort von Hiskija, dass diese Tatsache humorvoll aufnimmt: «Ein alter Mann im Haus ist eine Last im Haus; eine alte Frau im Haus ist ein Schatz im Haus!»
Warum wurden die Altersgrenzen gerade so angesetzt?
Bis zum 5. Lebensjahr bestand eine stark erhöhte Kindersterblichkeit. Mit 20 Jahren begann in Israel das Wehrpflichtalter und damit das vollverantwortliche Erwachsenenalter (vgl. 4. Mose 1,3; 2. Chronik 25,5). Mit 60 Jahren trat man ins ‘Pensionsalter’ ein. All diese Gegebenheiten werden in den festgesetzten Beträgen berücksichtigt. Diese Berechnungen sind also sorgfältig bedacht und nicht durch Willkür oder Diskriminierung gesteuert.
Ein Monatslohn damals entsprach etwa einem Schekel. Die Kosten für eine Auslösung waren also sehr hoch. Ein Gelübde sollte wirklich nicht unbedacht gegeben werden.
Besonders bemerkenswert ist der Nachtrag in Vers 8: Sollte sich jemand den festgesetzten Preis nicht leisten können, so ist er nicht in dem Gelübde gefangen, sondern kann beim Priester eine individuelle Anpassung erwirken. Was für ein fortschrittliches soziales Fangnetz, das die Tora hier bietet!
Einmal mehr ein Text, der mich in seiner Tiefe und Bedeutung zum Staunen bringt. Er wertet die Frau nicht ab, sondern auf, in dem er ihre Kraft würdigt und ihre Grenzen schützt.


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