Bibelverse für uns persönlich in Anspruch nehmen?
- BLB Schweiz

- 28. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Frage:
Wie kommen wir auf die Idee, alle möglichen Bibelverse für uns persönlich in Anspruch zu nehmen? Ist das ok vor Gott?
Zum Beispiel die Ermutigung von Josua, dass Gott mit ihm ist und er keine Angst haben soll. Viele Zusprüche sind ja von Gott immer an eine Bedingung geknüpft (Solange du mir die Treue hältst. Ehre mich und ich erhalte und leite dich). So kommt es mir vor.
Ich möchte gern auch von dieser Kraft aus Gottes Wort schöpfen, doch habe ich mir das vor ein paar Wochen überlegt und hatte keine gute Antwort.
Antwort
Diese Frage finde ich unglaublich wichtig und ehrlich – und sie formuliert eine Spannung, in der sich bestimmt viele finden.
Denn oft hören wir Bibelverse wie eine persönliche Nachricht direkt an uns:
«Fürchte dich nicht.»
«Ich bin mit dir.»
«Ich gebe dir Gelingen.»
«Ich habe gute Gedanken über dich.»
Und irgendwann fragt man sich: Darf ich diese Verse wirklich einfach so auf mich beziehen? Oder reisse ich etwas aus dem Zusammenhang, das ursprünglich jemand ganz anderem galt?
In Josua 1,9 macht Gott eine konkrete Zusage an Josua, die zuerst vor allem für seine Situation und für seinen Auftrag gilt: «Sei mutig und entschlossen! Hab keine Angst und lass dich durch nichts erschrecken; denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst!» Das war also ein Versprechen in einer historischen Situation und kein allgemein formulierter Motivationsspruch.
Trotzdem wäre es zu kurz gedacht, wenn wir nun sagen, dass die Aussage für uns heute bedeutungslos ist. Denn die Bibel ist nicht nur eine Sammlung alter Einzelgespräche oder Geschichten. Sie offenbart uns Gottes Wesen. Und genau darin liegt für mich persönlich der Schlüssel für diese Verheissungen.
Gott spricht Josua in dieser Situation seine Gegenwart zu. Daraus lernen wir etwas darüber, wie Gott ist:
Er lässt Menschen (also auch uns) nicht allein.
Er stärkt sie in Verantwortung.
Er ist treu.
Das heisst nicht automatisch, dass alles leicht wird oder dass Gott uns Erfolg garantiert. Es bedeutet, dass der Gott, der heute mit uns in Beziehung steht, derselbe Gott ist, der auch Josua getragen hat.
Ich glaube, dass das auch die ersten Christen so verstanden. Ein schönes Beispiel dafür finden wir in Hebräer 13,5. Dort wird ein Versprechen Gottes aus dem Alten Testament zitiert: «Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.» (Josua 1,5) Auch dieses Versprechen galt ursprünglich Josua und steht im selben Abschnitt wie der Vers aus deiner Frage. Paulus verwendet dieses Versprechen hier ganz allgemein für Christen.
Warum? Nicht weil jeder Christ «ein neuer Josua» wäre, sondern weil sich Gottes Wesen nicht verändert hat und derselbe Gott auch heute noch bei uns ist.
In 2. Korinther 1,20 schreibt Paulus: «Mit ihm (Jesus) sagt Gott Ja zu allen seinen Zusagen. Von ihm gedrängt und ermächtigt sprechen wir darum auch das Amen zur Ehre Gottes.» Weil Gottes Verheissungen in Christus ihr «Ja» finden, dürfen – so glaube ich – auch wir aus ihnen wirklich Hoffnung und Kraft für unser Leben schöpfen. In Christus ist Gottes grundlegendes «Ja» zu uns Wirklichkeit geworden.
Das heisst aber nicht, dass jede einzelne Verheissung genau gleich und ohne Kontext auch für mich gilt. Deshalb begleitet mich beim Bibellesen oft die Frage: «Was von Gottes Charakter wird in diesem Text sichtbar?»
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Die Kraft der Bibel entsteht nicht dadurch, dass wir jede Verheissung direkt auf uns münzen. Die Kraft der Bibel liegt darin, dass wir durch sie dem lebendigen Gott begegnen. Er zeigt sich uns durch diese Worte.
Dann wächst aus dem historischen Versprechen an Josua die Gewissheit: «Dieser Gott ist heute noch derselbe. Deshalb darf ich ihm ebenfalls vertrauen.»



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