Gott und körperliche Nähe
- Janine Oesch

- 21. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Frage:
Gott sagt, er könne alle Bedürfnisse stillen. Körperliche Nähe kann er jedoch nicht geben. Wie geht ihr damit um?
Antwort
Ja, das stimmt: Gott begegnet uns nicht körperlich greifbar. Er nimmt uns nicht in den Arm, wenn wir traurig sind; hält nicht unsere Hand, wenn wir Angst haben und er liegt nicht neben uns auf dem Sofa, wenn wir uns einsam fühlen. Dieses Bedürfnis nach Nähe, Berührung, körperlicher Verbundenheit bleibt, manchmal sehr schmerzhaft, unerfüllt.
Diese Frage ist ehrlich und sie trifft einen wunden Punkt, für den es keine einfache, schnelle Antwort gibt.
Vielleicht hilft es, zuerst etwas zu klären: Die Bibel verspricht nicht, dass Gott jedes unserer Bedürfnisse immer so erfüllt, wie wir es uns vorstellen.
Ein Vers, der oft in diesem Zusammenhang genannt wird, ist Philipper 4,19: «Gott, dem ich diene, wird euch alles geben, was ihr braucht…»Aber derselbe Paulus, der diesen Vers schreibt, schreibt ein paar Verse vorher, dass er gelernt hat, mit wenig und mit viel zu leben, satt zu sein und zu hungern, Überfluss zu haben und Mangel zu leiden (vgl. Philipper 4,12).
Und noch ehrlicher wird es an einer anderen Stelle:Paulus bittet Gott mehrfach, ihm seinen „Stachel im Fleisch“ wegzunehmen – und Gott tut es nicht (vgl. 2. Korinther 12,8). Stattdessen sagt Gott: «Du brauchst nicht mehr als meine Gnade.» (Vers 9)
Das ist herausfordernd. Denn es zeigt: Gott nimmt nicht jedes unangenehme oder schmerzhafte Bedürfnis weg, selbst wenn er es könnte.
Aber – da bin ich überzeugt – er lässt uns auch nicht allein damit.
Überleg mal: Gott stillt nicht immer jedes Bedürfnis direkt – aber er begegnet uns in unseren unerfüllten Bedürfnissen.
Er verändert oft nicht sofort die Umstände, sondern trägt uns darin. Er weitet unser Herz, verschiebt unsere Perspektive und schenkt eine Art von innerer Fülle, die nicht davon abhängt, ob gerade alles erfüllt ist.
Und gleichzeitig bleibt etwas ganz Wichtiges:Wir sind nicht dafür geschaffen, dass Gott allein jedes Bedürfnis abdeckt.
Er hat uns bewusst als Beziehungswesen geschaffen. Wir brauchen einander.Wir sind – ganz praktisch – Hände und Füsse füreinander.
Das bedeutet auch:Körperliche Nähe ist nicht etwas, das wir „wegspiritualisieren“ sollten. Es ist ein echtes Bedürfnis, das sein darf und soll. Und oft ist es genau der Ort, an dem Gott durch andere Menschen wirkt – durch Freundschaft, reale Umarmungen und Gemeinschaft.
Vielleicht ist die ehrlichste Antwort deshalb keine perfekte Lösung, sondern ein „Sowohl-als-auch“: Du darfst Gott zutrauen, dass er dich versorgt. Und du darfst gleichzeitig anerkennen, dass nicht alles sofort oder vollständig erfüllt wird.
Du darfst deine Sehnsucht ernst nehmen – und musst sie gleichzeitig nicht allein tragen.



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